Taja Gut
Quid est veritas?
Est vir, qui adest!1
Das eingangs zitierte lateinische Anagramm, das die im Johannes-Evangelium überlieferte Frage des Pilatus an Christus, «Was ist Wahrheit?», in die (dort nicht vorhandene) Antwort verwandelt, «Der Mensch, der vor dir steht»2, ist mehr als nur ein Wortspiel. Die Frage enthält buchstäblich nicht nur die Antwort; Wahrheit wird durch das Anagramm zudem unauflöslich mit einem Menschen verbunden. Nicht abstrakt ‹mit dem Menschen an sich›, sondern mit dem jeweils ganz bestimmten Einzelmenschen; in der konkreten Anspielung mit dem Angeklagte Christus Jesus.
Doch die anagrammatische Antwort gilt auch im profaneren Bereich. Es heißt, wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Es ist auch nicht dasselbe, wenn zwei dasselbe sagen. Wahrheit ist niemals un- oder überpersönlich; wenn sie als solche verkündet wird, handelt es sich um Propaganda oder grundlose Behauptungen. Anders als Fakten bedarf Wahrheit stets eines Menschen, der für sie einsteht, der sie bezeugt und dadurch bewahrheitet. Und zwar eines Menschen als Individuum oder Entelechie, nicht eines politischen, wirtschaftlichen, weltanschaulichen oder sonstigen Vertreters.
Die Frage, die sich dabei unweigerlich stellt: Wie weiß ich denn, dass es wirklich Wahrheit ist, was mir so entgegentritt? Umfassender gefragt: Wie kann ich überhaupt Gewissheit gewinnen und all das beurteilen, was mir fortwährend an Informationen entgegentritt – oder nur schon das lebendige Geflecht persönlicher Beziehung, in das ich selbst verwoben bin?
Es ist eben nicht nur so, dass die Wahrheit eines Menschen bedarf, um durch ihn in Erscheinung zu treten; es ist zugleich ein Mensch notwendig, dem sie sich enthüllen kann, indem er sie als solche anerkennt: weil sie ihm wahrhaftig erscheint, weil sie evident ist. Das lateinische ē-vidēns, auf den der Begriff zurückgeht, bedeutet wörtlich ‹völlig erscheinend›. Wahrheit tritt also erst in der Anerkennung durch einen Menschen kraft seiner Einsicht völlig zutage. Zugespitzt formuliert: Wahrheit offenbart sich durch die Wahrnehmung als wahrhaftig. Und jeder dieser drei Begriffe ist hinfällig ohne den Menschen. Das kann in der angebrochenen Ära der sogenannten Künstlichen Intelligenz nicht genug betont werden.
Je mehr man sich in die Problematik der Wahrheit vertieft, desto mehr Fragen treten auf. Lässt sich Wahrheit beweisen? Kann man – ich bin kein Mathematiker – zum Beispiel beweisen, dass 1 + 1 = 2? Oder dass ich ich bin? ID und Pass sind Bescheinigungen, keine Beweise. Man versuche nur mal durch den Zoll zu kommen ohne die erforderlichen Ausweise. Benötigt Wahrheit überhaupt Beweise? Ist Bewiesenes auch unbedingt wahr? Führt das alles schon in Phlegräische Felder der verwirrenden Beliebigkeit?
Ohne persönliche Einsicht, so viel scheint klar zu sein, findet sich jedenfalls keine Wahrheit. Was nicht heißt, dass Wahrheit subjektiv ist. Oder dann so subjektiv wie Liebe. Aber eben auch nicht objektiv, losgelöst vom Menschen. Wahrheit, die sich zur beherrschenden Doktrin aufschwingt, ist nur noch wesenlose Hülle, wie absolut sie sich auch gebärden mag.
Wie bin ich auf das Thema gekommen? Weil letzthin wieder einmal in einem Interview ein unscheinbarer Satz fiel, der in all die spätrömische Verkünstelungen und kriecherischen Rechthabereien unserer Zeit, den aufgeblähten moralistischen Popanz der Verlogenheit, das schlichte Licht der Vernunft warf. Als würden in einem dumpf-verschlossenen Raum alle Fenster aufgestoßen. Und wie immer in solchen Augenblicken erlebe ich das ungemein Befreiende einer ausgesprochenen Wahrheit. Weniger, weil sie mich in meiner Ansicht bestätigt, als vielmehr, weil sie augenblicklich das Wahrheitsempfinden berührt und das verschleiernde mediale Geschwätz als das enthüllt, was es in all seiner zerstreuten Aufgeregtheit ist: ein nackter Scheinkönig.
Wahrheit ist Werden
Reisen ohne Geleit
Scheinbar
Nur Schimmer nur Wehen
Erdenklarheit
Spur eines Narren
Gezwirnt und entzweit
Mit dem Sternpfad des Weisen
Der werdend
Ist
Der er war3