«Don’t follow leaders
Watch the parkin’ meters»1
Die kategorische Anweisung – oder eher Verfügung – «Folgen Sie der Wissenschaft» hat sich, wenn mich nicht alles täuscht, in diesem dirigierenden Ton erstmals als undeklarierte Nebenwirkung von Covid-19 in die Gesellschaftskörper eingenistet und wird heute gerne auch in der Frage des Klimawandels als big stick verwendet (Speak softly and carry a big stick). Davon weiter unten.
Dass die Wissenschaft, die uns als Führerin vorgesetzt wurde, eine unbegründete, rein gesellschaftspolitische Disziplin oder vielmehr Disziplinierung war, haben nicht erst die freigeklagten RKI-Files aufgedeckt. Allein schon der Imperativ «Folgen Sie der Wissenschaft» entlarvt dessen Propagandisten als Pseudowissenschaftler. Kein ernstzunehmender Forscher spricht von der Wissenschaft. Und schon gar nicht einer solchen, der zu folgen ist wie Schafe ihrem Hirten oder Anhänger ihrem Führer.
Was also ist Wissenschaft?
«Das Bundesverfassungsgericht definiert Wissenschaft als ‹jede Tätigkeit, die nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit anzusehen ist›. Darüber hinaus werden ein besonderes methodisches Vorgehen und ein bestimmter Kenntnisstand verlangt. – In personeller Hinsicht schützt die Wissenschaftsfreiheit jedermann, der wissenschaftlich tätig ist oder tätig werden will. – […] Hinsichtlich der Wissenschaftsfreiheit bedeutet dies, dass jedes Verbot von Forschung oder Lehre, jede staatliche Einflussnahme auf Fragestellung, Methode, Materialsammlung, Bewertung und Verbreitung der Ergebnisse bei der Forschung, jede Steuerung oder Kontrolle von Inhalt und Ablauf der Lehre als Beeinträchtigung der Wissenschaftsfreiheit anzusehen ist.»2
Oder knapp und bündig: «Wissenschaft stellt Konzepte infrage und bemüht sich ständig darum, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu begreifen.» (Carlo Rovelli, italienischer Physiker und Autor)3
«Zusammenfassend kann man sagen, dass das Kriterium für den wissenschaftlichen Status einer Theorie ihre Falsifizierbarkeit oder Widerlegbarkeit bzw. Prüfbarkeit ist.» (Karl R. Popper)4
Das Problem des heutigen Wissenschaftsbetriebs: dass er – mehr noch als die Kunst – nach Brot geht. Konzepte, die eine ideologisch dominante Hauptströmung infrage zu stellen versuchen, werden ausgegrenzt, aus dem wissenschaftlichen Diskurs eliminiert und erhalten erst gar nicht die notwendigen Fördergelder oder Unterstützungen. Dabei zeigt die Geschichte der Wissenschaft, die mehr als die letzten paar Jahre oder meinetwegen Jahrzehnte einbezieht, dass sie sich im «Versuch zur Ermittlung der Wahrheit»nur dadurch fortwährend entwickelt, dass sie Fragen stellt, Kritik einbringt, das gerade vorherrschende Modell infrage stellt.
Beklemmend der Bericht des emeritierten Professors für Experimentalphysik Gerd Ganteför, der unter anderem über fünfzehn Jahre lang die Energie- und Klimavorlesung im Master-Programm Physik an der Universität Konstanz gehalten hat. Beileibe kein sogenannter «Klimaskeptiker» (ohnehin ein unsinniger Begriff), wagt er dennoch unorthodoxe wissenschaftliche Fragen zu stellen.
«In meinen Vorträgen habe ich mich immer wieder gegen den Missbrauch der Physik als Werkzeug der politischen Klimatologie gestemmt. Da gibt es zum Beispiel die Weltuntergangsnarrative. Ich habe versucht, die Menschen zu beruhigen und ideologische Übertreibungen von wissenschaftlich fundierten Risiken zu trennen. Aber in diesem Bemühen kam ich den Klima-Ideologen in die Quere. Und damit begannen die Repressalien. […]
Manche meinen, uns bliebe nur noch wenig Zeit, um ein Aussterben der Menschheit zu verhindern. Deswegen schrieb ich mein erstes Sachbuch ‹Klima: Der Weltuntergang findet nicht statt›.»
Darauf wurden ihm plötzlich alle Forschungsanträge abgelehnt. Ein Kollege riet ihm, bei den Forschungsanträgen in Deutschland stets die Bedeutung für die Solarenergie zu betonen. «Ich hielt es für einen Scherz, probierte es aber und bekam tatsächlich eine bessere Bewertung. Es war inhaltlich das gleiche Forschungsprojekt, aber in der Einleitung stand, dass die Resultate wichtig für Solarzellen seien. Für mich war es unfassbar, was hier passierte.» Trotz allem wurde es immer schwieriger für ihn, Forschungsgelder zu erhalten. «Schließlich rief mich ein Kollege an und meinte: ‹Gerd, du brauchst keine Anträge mehr zu stellen. Es werden alle abgelehnt.› Ich war konsterniert und fragte, ob ich zu wenig in hochrangigen Journalen publiziert hätte. Er meinte nur lakonisch, ich könne publizieren, was und wo ich wolle, Geld bekäme ich keines mehr. Sehr viel später entschuldigte sich ein hoher Funktionär des deutschen Forschungsmanagements bei mir. Er habe gedacht, ich sei Klimaleugner. Aber dem sei wohl nicht so.»
Es wurde trotzdem immer schlimmer.
«Es ging mit anonymen Denunziationen weiter. Meine Universität hat, ohne mich vorher darüber zu informieren, auf eine anonyme Anzeige hin 2022 eine Untersuchung gegen meine Person eingeleitet. Ich hätte verfassungsfeindliche Aussagen in meinen Videos getätigt. Ich wurde erst nach Abschluss der Untersuchungen darüber informiert. Ich war zunächst total konsterniert, aber dann dachte ich, dass meine Frau mit ihrer Aussage, sie kenne dies alles aus der DDR, wohl recht hatte. Die Universität hat keine verfassungsfeindlichen Aussagen gefunden. Aber mir hat der Vorgang gezeigt, dass die Rede- und Gedankenfreiheit in Deutschland in großer Gefahr ist.»
Und er kommt zum Schluss, dass Klimawissenschaft heute keine Wissenschaft mehr sei: «Ich kann die Bürger nur davor warnen, die politische Klimatologie mit seriöser Naturwissenschaft zu verwechseln. Es könnte zum Verlust von Freiheit und Wohlstand führen. Werdet misstrauisch, wenn euch jemand mit der Drohung des baldigen Untergangs der Menschheit teure Sachen verkaufen will oder politische Entscheidungen durchsetzen möchte.»5
Totalitäre Tendenzen werden gerne östlich und westlich von uns verortet. Doch wie steht es mit unseren Demokratien?
Das cancelnde Mitläufertum ist leider auch hier bei weitem nicht eine bloß akademische Angelegenheit. Abgesehen davon, dass («Follow the science!») die politisch korrekte Wissenschaft in ihrem dogmatischen Anspruch sich zusehends als Ersatzreligion etabliert hat: Auch die Kultur im engeren Sinn (und damit natürlich die Gesellschaft als Ganzes) ist davon betroffen.
Dass in der neuen Verfilmung von Wilhelm Tell dem Titelhelden eine Suna statt Hedwig zur Seite steht, eine Frau also aus dem Nahen Osten, samt Adoptivsohn, ist ein eher kurioses Beispiel, wie auch, dass weibliche Figuren der Schiller’schen Befreiungssaga «aus dem Nichts zu unglaublichen Schwertkämpferinnen und Militärstrateginnen» werden.6 Bedenklich dagegen ist die Erklärung durch die Produzentin: «Der Grund dafür war, dass man keinen Film mehr verkaufen kann, in dem nur Weiße spielen. Wir mussten auf die Diversity Rücksicht nehmen.»7
Und mehr als bedenklich stimmen die «kulturellen» Kriterien, die der Leiter des Theaters Rigiblick, Daniel Rohr, im Zusammenhang mit den Subventionskürzungen durch die Stadt Zürich benennt, da sie heute offenbar als maßgeblich gelten: «Entscheidend für die Höhe der Subventionen werden die Konzepte nach Maßstäben wie Innovation, Diversität, Inklusion, Nachhaltigkeit beurteilt.» Der Vergleich, den er zieht, spricht indessen für sich (und sein Theater): «Das Schauspielhaus Zürich hat in der Ära von Blomberg/Stemann 22/23 bei 39 Millionen Subvention 94’000 Zuschauer, wir hatten in derselben Zeit bei 650’000 Franken Subventionen 43’000 Zuschauer, also fast die Hälfte.»8
Im Grunde geht es wie eh und je gegen den «Bevormundermenschen», gegen den der norwegische «Rebell in Christo» Jens Bjørneboe sein Leben lang anschrieb: «Für autoritäre Menschen ist jedes selbständige Denken ein Verbrechen: Sie fassen Kritik, die an sich nicht nur ein demokratisches Recht, sondern eine demokratische Bürgerpflicht ist, als Bosheit und negative Einstellung auf. Alles Bestehende ist richtig – es zu kritisieren unmoralisch.» Sein drittes Gebot lautet demgegenüber: «Sei ungehorsam!»9