Aufreibend ist es und beschwerlich

sich zu verweigern dem Herkömmlichen

Entscheidungen zu durchschauen, die nur

Nuancen sind derselben Ratlosigkeit.

                  
                       Hans Sahl1


Angst und Furcht sind nicht dasselbe. Die Verben – sich ängstigen/sich fürchten – machen es, wie so oft, deutlicher: Angst ist abgründiger, schwer zu fassen und zu bewältigen. Furcht scheint meist das Bedrohliche genauer im Auge zu haben, weiß, was ihr zugrunde liegt, hat also den Kopf nicht verloren und kann einem unter Umständen das Leben retten. Angst dagegen gewinnt durch ihre Ungewissheit lähmende Macht über ihre Opfer.

Und doch ist Angst das Gespenst, das seit etlichen Jahren in Europa umgeht – oder besser: umhergetrieben wird, in immer neuer Vermummung – zuletzt nun als Wiedergänger aus dem Kalten Krieg. Dass Macht zur Sicherung ihrer Herrschaft als bewährtes Mittel Angst einsetzt, war schon in der Antike kein Geheimnis: Rainer Mausfeld zitiert den Historiker Polybios (um 200–120 v. Chr.), wonach «die Masse im Zaum gehalten werden müsse durch ‹diffuse Ängste und Schreckensbilder›».2 Neu ist nur, dass das totalitäre Allzweckmittel auch bei sich als demokratisch bezeichnenden Volksvertretern an Beliebtheit gewinnt (oder habe ich aus naiver Gutgläubigkeit einfach lange nicht wahrhaben wollen, wie sehr die Diener des Volks sich mehr und mehr zu dessen Beherrschern emporgearbeitet haben?).

Zur Beherrschung gesellt sich aber auch eine weitere praktische Verwendungsmöglichkeit der Angsterzeugung: die Massen dorthin zu lenken, wo man sie als willige Vollstrecker bestimmter Absichten benötigt. Hauptsächlich drei Mittel dazu hebt bereits Gustave Le Bon in Psychologie der Massen 1895 hervor: Behauptung, Wiederholung und Übertragung oder Ansteckung.3 In überdeutlicher Penetranz sind diese Mittel im Zusammenhang mit dem Ausrufen einer Corona-Pandemie eingesetzt worden. Natürlich gab es auch früher schon Momente, in denen man zu ihnen griff. Aber das geschah punktuell – so scheint es mir wenigstens. Vor allem aber hatten sich die Medien da ihrer Verantwortung als Vierte Gewalt noch nicht völlig entzogen.

Was uns seit dem Beginn des Ukrainekriegs durch die europäischen Politiker und sogenannten Leitmedien unentwegt eingehämmert wird, ist die angebliche Absicht Putins, sich ganz Europa einzuverleiben, die dermaßen Angst verbreiten soll, dass die Völker willig den Masters of War folgen. Diese Vorstellung ist derart grotesk, dass sie fast nicht für möglich gehalten werden könnte – hätte man Ähnliches nicht bereits im Zeichen von Corona erlebt. Erschütternd ist es daher, wie sich die Vorstellung planmäßig reihum in den Köpfen einnistet und der Ruf nach Aufrüstung und Kriegsbereitschaft immer häufiger eine ruhige Besonnenheit zunichte macht: überraschende Neuinszenierung von Ionescos Nashörner.

Abgesehen davon, dass Krieg nichts anderes heißt, als so viele Menschen wie nur möglich brutal umzubringen und grässlich zu verstümmeln, und der Gedanke, Russland wolle Europa überfallen, jeder Vernunft Hohn spricht: Stets war es Russland, das vom Westen angegriffen wurde. Hat man schon vergessen, dass es die Sowjetunion war, die ihre Truppen nach der ‹Wende› aus den besetzten Ländern abzog, während die USA weiterhin zahllose Stützpunkte vor allem auch in Deutschland unterhält – darunter in Ramstein die größte Air Base außerhalb der USA, die zudem für deren Drohnenkrieg entscheidend ist.4

Wenn aber die Vernunft versagt, wenn es um die Bedrohungslage geht, so verhilft vielleicht wenigstens der Verstand zur Einsicht:

2024 betrugen die Gesamtausgaben der NATO 1’474,4 Milliarden US-Dollar (USA: 967,7, Kanada: 30,5, europäische NATO-Staaten insgesamt: 476,2 Milliarden). – Demgegenüber beträgt das russische Militärbudget 109 Milliarden US-Dollar.

Die NATO-Staaten haben 2025 «etwa 3,44 Millionen Soldatinnen und Soldaten aktiv unter Waffen», zusammen mit den Reservekräften und paramilitärischen Einheiten sind es sogar 8,66 Millionen.

«Russland verfügt zum gleichen Zeitpunkt über rund 1,32 aktive Soldatinnen und Soldaten, die Gesamtzahl des militärischen Personals liegt bei 3,57 Millionen.»5

Die wirkungsvoll wiederholte Behauptung, Moskau könnte bis 2030 Europa angreifen, macht auch durch die recht präzise Datumsangabe stutzig, hat doch der russische Einmarsch in die Ukraine 2022 die Staaten anscheinend schon überrumpelt. Könnte dieses unermüdlich wiederholte Datum nicht eher ein Hinweis darauf sein, dass sich vielmehr die NATO bis dann bereitmachen will, Russland anzugreifen? Aber wozu? Die Vorstellung ist ebenso widersinnig wie die gegenteilige.

Bleibt die Frage: Wozu also dieses Schüren von Angst, dieses scham- und gedankenlose Gerede von Politikern und Medien, unsere Gesellschaften seien «kriegstüchtig» zu machen? Ginge es denn angesichts der zahlreichen Konflikte nicht dringend darum, die der Lächerlichkeit preisgegebene Friedensfähigkeit einzuüben? Auch und gerade in scheinbar aussichtslosen Konflikten? Angst ist bekanntlich ein schlechter Berater, dafür ein umso wirksameres Mittel, gefügig zu machen.

Was sie ihrer Scheinmacht beraubt: Sich nicht durch sie umgarnen, sondern vielmehr aufwecken zu lassen, um sie – und vor allem die eigene Anfälligkeit dafür – zu durchschauen.

Dann wird es ihr ergehen, wie in Hans Christian Andersens Märchen dem Kaiser, der sich in seinen vermeintlich neuen Kleidern, die ihm Betrüger vorgegaukelt haben, dem Volk zeigt, das ihnen in pflichtgemäßer Ehrfurcht höchste Bewunderung zollt, obwohl er in Tat und Wahrheit nackt ist.

«‹Aber er hat ja gar nichts an›, sagte ein kleines Kind. ‹Mein Gott, hört die Stimme der Unschuld›, sagte der Vater; und einer flüsterte es dem andern zu, was das Kind sagte. ‹Aber er hat ja gar nichts an!› riefen schließlich alle Leute.›»6